Share

Angeschlagene Fluggesellschaft

Für Air Berlin tickt die Uhr. Jedes Quartal schließt Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft seit Jahren mit Verlust ab, jetzt plant Vorstandschef Stefan Pichler den radikalen Schnitt. Das Eigenkapital liegt mittlerweile nahezu eine Milliarde Euro im Minus, der Betriebsverlust lag im ersten Halbjahr mit 234 Millionen Euro ein Drittel höher als davor, die Fluggesellschaft verschwendet ihre Kraft, indem sie sowohl Billigflieger, Ferienairline als auch Langstreckenflieger ist.

Wir erklären, was der frühere Lufthansa-Manager Stefan Pichler mit dem Unternehmen vorhat.

Strategie Pichler plant, Air Berlin als Netzwerkcarrier praktisch nur noch von Düsseldorf und Berlin aus zu führen. Flüge von anderen Städten aus sollen fast ganz wegfallen. Wenn er einen großen Teil der Europa-Flüge an den Lufthansa-Ableger Eurowings abgeben wird, will er doppelt profitieren: Er wäre Verlustbringer los. Und er würde mit einem halbwegs guten Preis oder regelmäßigen Zahlungen davon profitieren, Strecken an Lufthansa abzugeben.

Immerhin ist geplant, dass Air Berlin rund 40 Maschinen an Eurowings vermietet, die die Flüge dann wiederum unter ihrer Marke verkauft. Eigentümer dieser Jets ist Air Berlin sowieso nicht. Alle Maschinen sind geleast, weil Air Berlin zu wenig Kapital für eigene hat.

Lufthansa-Interesse Viele Jahre lang war der Kranich-Airline eine schwache Air Berlin lieb, weil sie Flugrechte (“Slots”) blockierte, die sonst die klassischen Billligflieger Ryanair, Easyjet oder auch Vueling aus Spanien übernommen hätten.

Weil nach Jahren der Verluste aber eine Pleite von Air Berlin droht, denkt Lufthansa-Chef Carsten Spohr nun um: Besser Eurowings übernimmt viele Strecken von Air Berlin statt die Konkurrenz.

Tui-Annäherung Aber auch Europas größter Tourismuskonzern Tui ist an Teilen von Air Berlin oder an einer engeren Kooperation interessiert: Tui hat bei Tuifly 41 Jets und betreibt 14 Maschinen davon für Air Berlin. Diese Maschinen könnte Tui in ein Joint-Venture überführen, in das auch weitere Jets von Air Berlin in Österreich eingebracht werden könnten.

Denkbar ist auch, dass Air Berlin bei touristischen Strecken ganz aufhört. Christoph Drescher, Vorstand der Flugbegleitergewerkschaft Ufo und langjähriges Aufsichtsratsmitglied bei Tuifly, erklärt, wohin die Reise gehen könnte: “Etihad hat als Haupteigentümer von Air Berlin kein Interesse an einem touristischen Geschäft innerhalb Europas. Die wollen ihren Umsteigeflughafen in Abu Dhabi ausnutzen. Dafür bringen Reisen nach Mallorca aber herzlich wenig – selbst wenn das Geschäft gewinnbringend ist.”

Passagierrechte Es ist damit zu rechnen, dass Eurowings oder Tui einige der übernommenen Flüge streichen würden, damit das Überangebot an Tickets auf dem europäischen Markt zurückgeht. Passagiere mit Tickets für solche Strecken haben das Recht zum Umbuchen oder sie können den Preis zurückfordern.

Sonderrisiko Düsseldorf Falls Air Berlin in der NRW-Landeshauptstadt nur wenige oder vielleicht keine Strecken abgibt, ändert sich wohl wenig.

Es gibt aber Hinweise, dass Etihad nach Jahren der Verluste bei Air Berlin darauf drängt, dass auch Ferienflüge ab den Hauptstandorten Düsseldorf und Berlin abgegeben werden. Dies wäre insbesondere möglich, wenn auch noch andere Unternehmen ihre Ferienjets in ein Joint-Venture einbringen. “Auch Thomas Cook prüft, ob die eigene Fluggesellschaft abgegeben wird”, sagt dazu Airlineberater Gerald Wissel. “Gut wäre ein unabhängiger Ferienflug-Anbieter, der diese Flotten auch mit den Flugzeugen von Air Berlin zusammenfasst.”

Zumindest der Branchenkenner Heinrich Großbongardt warnt vor Folgen für Düsseldorf: “Aktuell ist Air Berlin mit Lufthansa/Eurowings wichtigste Fluggesellschaft in der NRW-Landeshauptstadt. Aber wenn Air Berlin geschwächt wird, gibt es vielleicht schon bald deutlich weniger Umsteigeverbindungen.”

Quelle: RP

Article source: http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/air-berlin-folgen-des-sparkurses-aid-1.6288995