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Dortmund – Bayern

Deutsche Sprachakrobaten haben sich schon schwer verhoben beim Versuch, es in Worte zu kleiden. Weder “Bundeskracher” noch “Gerby”, nicht “Germinale” und erst recht nicht “Alpenpottgipfel” sollten sich durchsetzen. Alle Vorschläge hatte das ZDF vor dem Champions-League-Finals 2013 zur Abstimmung gebracht. “Germanico” vereinte dabei noch die meisten Stimmen auf sich, hat sich im Sprachgebrauch bis heute aber nicht nachhaltig etabliert.

Allein die schnöde Paarung “Dortmund – Bayern” oder “Bayern – Dortmund” genügt aber allemal, um Fans zu elektrisieren. Bei jeder neuen Auflage hält Fußball-Deutschland für mindestens 90 Minuten den Atem an. Natürlich, weil in diesem Spiel die Vormachtstellung im deutschen Fußball verhandelt wird. Kein bisschen weniger liegt der Zauber dieser Begegnung aber in den zahlreichen Geschichten begründet, die die Begegnungen der beiden Schwergewichte geschrieben haben. Ob Torwart Jan Koller, Oliver Kahns Kung-Fu-Tritt oder die dramatischen Duelle der jüngeren Geschichte. Wir erinnern an die zehn denkwürdigsten Momente der Spiele zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern München.

1. Stürmer Jan Koller wird Torwart des Spieltags

Am 9. November 2002 ist Dortmund gegen Bayern die Begegnung Zweiter gegen Erster – standesgemäß. Entsprechend verbissen geht es auf dem Feld zu. Nachdem Torsten Frings sich bereits eine Ampelkarte zusammengegrätscht hat, sieht nach 67 Minuten auch Torwart Jens Lehmann Gelb-Rot. Trainer Matthias Sammer hat bereits drei Mal gewechselt, also greift die abgewandelte Bolzplatzregel: längster Mann hält. Eigentlich kommen Jan Koller seine 202 Zentimeter Körperlänge vor allem bei Kopfbällen zu Gute, aber auch seinen Aushilfsjob im Kasten erledigt der tschechische Riese erstaunlich gut. Sein Gegenüber Oliver Kahn feixt zunächst noch, am Ende zeigt Koller aber die vielleicht beste Torwartleistung eines Feldspielers in der Bundesliga. Das Fachmagazin “Kicker” beruft Koller sogar in die Elf des Spieltags. Auf der Torwart-Position! Kahns Reaktion darauf ist nicht verbrieft. Obwohl Koller seinen Kasten sauber hält, verliert Dortmund das Spiel jedoch mit 1:2.

 

 

2. Der Pfosten macht Bayern zum Meister

Das Spiel am 7. April 2001 bleibt als eine der größten Tretereien in Erinnerungen, die die Bundesliga gesehen hat. Schiedsrichter Hartmut Strampe verteilt drei Rote und neun Gelbe Karten. Das Bild des Spiels und eine Aufnahme für jede Bundesliga-Historie aber liefert Oliver Kahn den Fotografen. Tomas Rosicky überrascht den Bayern-Keeper in der Schlussphase mit einem fast perfekt getretenen Freistoß. Kahn schaut machtlos hinterher, doch Rosickys Schuss tropft vom Innenpfosten auf die Linie. Der verdutzte “Titan” schnappt sich den Ball und reckt mit einem Urschrei die rechte Faust in den Himmel. Ein Jubel, wie ihn nur Kahn kann. Pikant: Wäre der Ball wenige Zentimeter weiter rechts eingeschlagen, wäre Schalke an einem Tag im Mai wenige Tage später wohl Deutscher Meister geworden.

3. Heulsuse Möller

Das müde 1:1 am 19. April 1997 geht sportlich nicht in die Geschichte dieser Paarung ein. Die beiden Nationalspieler Lothar Matthäus und Andy Möller sorgen allerdings für eine Szene, die noch heute jeder Fußball-Fan vor Augen hat. Nach einem Allerweltsfoul von Bayerns Mario Basler geht Möller zu Boden. Matthäus unterstellt dem Dortmunder Mittelfeld-Ass übertriebene Theatralik und lässt dankenswerterweise die ganze TV-Nation daran teilhaben. Auge in Auge mit Möller wischt sich Matthäus gestenreich Tränen auf dem Gesicht, Möllers Ruf als “Heulsuse” ist zementiert.

4. Bayern auf dem (Leder-)Hosenboden

Jahrelang schienen die Bayern Borussia Dortmund enteilt, doch seit der Ära Jürgen Klopp sind die Duelle wieder Kopf-an-Kopf-Rennen und mitunter beinharte Abnutzungskämpfe. Im DFB-Pokal-Halbfinale am 28. April 2015 findet sich selbst nach 120 Minuten kein Sieger. Das Elfmeterschießen dann fällt allerdings zur Überraschung aller völlig eindeutig aus. Alle vier Schützen der Bayern scheitern vom Punkt. Kurios: Philipp Lahm und Xabi Alonso rutschen bei ihren Versuchen aus und landen auf dem Hosenboden. Schwacher Trost für die Münchner: Das Pokalfinale in Berlin verliert der BVB gegen Wolfsburg mit 1:3.

5. Arjen Robbens Trauma

Die aufmüpfigen Dortmunder sind Anfang der 2010er Jahre im Begriff, den Bayern im Wortsinn den Rang abzulaufen. Mit dem Kloppschen “Heavy-Metal-Fußball” hat der Branchenprimus auch in den direkten Duellen schwer zu kämpfen. Die Begegnung am 11. April 2012 ist für den Rekordmeister die vermutlich letzte Chance, dem BVB auf dem Weg zur Meisterschaft Einhalt zu gebieten. In der 77. Spielminute bringt der spätere Bayer Robert Lewandowski Schwarz-Gelb vor heimischer Kulisse in Führung. Vier Minuten vor Spielende entscheidet Knut Kircher in der Hitze des Dortmunder Stadions aber auf Elfmeter für die Bayern. Arjen Robben, oftmals Eigensinn unterstellt wird, schnappt sich selbstbewusst den Ball … und Roman Weidenfeller hält. Während eine schwarz-gelbe Jubeltraube auf den Torhüter zurollt, rennt BVB-Verteidiger Neven Subotic instinktiv auf den Fehlschützen zu und schreit ihm aus kürzester Distanz ins Gesicht. In den nächsten Tagen diskutieren die Stammtische über Adrenaliüberschuss und schlechte Gewinner. Bis heute ist man sich allerdings nicht sicher, ob der konsternierte Niederländer davon überhaupt etwas mitbekommen hat.

 

6. Arjen Robbens Traum

Bayern-Fans sind sich sicher, dass der Fußballgott seinen Anteil daran hatte, dass wiederum Subotic und Robben die Protagonisten des Champions-League-Finals 2013 im Wembley-Stadion waren. Lange Zeit liefern sich die deutschen Vorzeigeklubs in London ein packendes und enges Duell um die Krone des europäischen Fußballs. In der 89. Minute schließlich lässt Robben bei einem unnachahmlichen Antritt Subotic aussteigen und verlädt Keeper Weidenfeller mit einem Geniestreich. Nachdem er im Jahr zuvor beim “Finale dahoam” noch einen Elfmeter verschossen hatte, stand Robben alles ins Gesicht gemeißelt, was ihm dieser Schuss ins Glück bedeutete.

7. Kahn on fire

Vielleicht keiner hat so viele Aktien an der Legendenbildung rund um diese Paarung wie ein gewisser Oliver Kahn. Was er am 3. April 1999 zum Frühstück hat, ist nicht überliefert. Fest steht, dass der Bayern-Torwart mit zwei spektakulären Einlagen für unvergessene Momente sorgt. Zunächst versucht er… ja, tatsächlich! Kahn will Heiko Herrlich offenbar ins Kinn beißen. Das kontert der Dortmunder, der an diesem Tag einen Doppelpack zum 2:2-Endstand beiträgt noch mit einem verächtlich-kühlen Blick. Mehr Glück hatte da schon Stéphane Chapuisat, den Kahn mit einem Kung-Fu-Tritt wenig später haarscharf verfehlt.

8. Die Machtdemonstration

Dass auch Bayern-Fans leidensfähig sind, können im Mai 2012 auch die nachvollziehen, die es so gar nicht mit dem Rekordmeister halten. In der Bundesliga beendet Borussia Dortmund die Saison mit stolzen acht Punkten Vorsprung vor den Münchnern. Im DFB-Pokal hat Rot-Blau immerhin die Chance, Schwarz-Gelb mit nur einem Spiel den zweiten nationalen Titel streitig zu machen. Stattdessen erleben die Bayern im Berliner Olympiastadion ein heilloses Debakel. Gleichzeitig eine Sternstunde des polnischen Goalgetters Robert Lewandowski, der drei Tore zum 5:2-Sieg beisteuert – und ein eindrückliches Bewerbungsschreiben an die Säbener Straße adressiert. Und das ist nicht einmal das Schlimmste. Noch weiß keiner, dass der FC Chelsea den Bayern nur eine Woche später beim “Finale dahoam” ein noch ein übleres Trauma zufügen wird.

9. Die vergebenste Torchance

Frank Mill hat in 387 Bundesliga-Spielen 123 Tore geschossen, Frank Mill hat 17 Länderspiele absolviert, Frank Mill ist eine BVB-Legende. Bis heute ist sein Name aber untrennbar und vor allem mit einer Szene verbunden, in der er ausnahmsweise nicht trifft. Im Auftaktspiel der Saison 1986/87 ist der Dortmunder Stürmer Bayern-Keeper Jean-Marie Pfaff bereits enteilt und muss bloß noch ins leere Tor einschieben. Stattdessen bleibt die Welt für drei ewig lange Sekunden stehen. Mill zaudert, Pfaff sprintet und Mill schreibt Geschichte mit der vielleicht vergebensten Torchance, die die Bundesliga gesehen hat. Wer heute Frank Mill im Netz sucht, dem schlägt die automatische Vervollständigung bei Google noch immer als Erstes “Pfosten” vor.

10. Folgenschwere Fehlentscheidung

Auch der BVB hat natürlich Anrecht auf ein eigenes Pokal-Trauma. Am 17. Mai 2014 bringt ein Fehler möglicherweise die Entscheidung. Ein Kopfball von Mats Hummels landet hinter der Linie, Dante schießt den Ball aus der Gefahrenzone, Schiedsrichter Florian Meyer aber lässt weiterlaufen. Am Ende verliert der BVB mit 0:2 nach Verlängerung und fühlt sich um ein Tor und einen möglichen Titel betrogen.

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