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Exklusive Einblicke

Plötzlich wird der König der Löwen angekündigt: “Nants igonyama bagithi baba” hallt es durch den fast menschenleeren Flur mit den grünlichen Wänden, in dem es nach Zahnarzt und Zoohandlung zugleich riecht. Hinter den Türen mit den Fenstern leben aber nur Mäuse. “Sie mögen ein Rauschen im Hintergrund, deswegen läuft das Radio”, sagt die Tierschutzbeauftragte der Heinrich-Heine-Universität, die wie wir in einen grünen Chirurgenkittel gekleidet ist.

Wir sind aber keine Tierärzte, sondern ausnahmsweise zugelassene Besucher. Anders sieht es bei den Nagern ohne Namen aus: Sie wurden gezüchtet, um hier zu sein. Untergebracht sind sie in aufeinandergestapelten Käfigen, die separat belüftet werden und mit Einstreu ausgelegt sind. Kurz vorher sind einige von ihnen von einem Mann in grünem Kittel und mit OP-Haube für ein immunologisches Experiment bestrahlt worden. Keine Maus wird dieses Gebäude lebend verlassen. Keiner, der hier arbeitet, will seinen Namen in der Zeitung lesen.

Uni verweigerte ein Blick in das Forschungsgebäude 

Mehr als 20.200 Tiere, die großen über Fachanbieter zugekauft, leben in dem hermetisch abgeriegelten Gebäude mit den verhangenen Fenstern. Über das, was hinter den verschlossenen Türen passiert – man gelangt nur mit registriertem Daumenabdruck und Chipkarte hinein – ist in den vergangenen Jahren viel spekuliert worden. Tierschützer aus Düsseldorf und von außerhalb sprechen etwa von grausamen Experimenten, etwa an Beagle-Hunden für Zahn-Implantate.

Die Uni hat sich wie viele andere Hochschulen in den vergangenen Jahren zu tierexperimenteller Forschung vor allem in Schweigen gehüllt. Presseanfragen – auch von unserer Redaktion – wurden nicht oder nicht detailliert beantwortet, ein Blick in das Versuchs- und Forschungsgebäude verweigert.

Nach zähem Ringen und einigen Bedingungen (keine Namensnennung und Bilder von Mitarbeitern aus Sorge vor Anfeindungen und Bedrohungen sowie Mitspracherecht bei der Fotoauswahl) werden wir an diesem Montagvormittag fast anderthalb Stunden lang durch jedes Stockwerk des Gebäudes geführt, das seit drei Jahren “Zentrale Einrichtung für Tierforschung und wissenschaftliche Tierschutzaufgaben” (ZETT) heißt. Das hört sich besser an als TVA (Tierversuchsanlage), wie es noch über den Schwarzen Brettern steht. “Über unsere Stockwerke ganz ohne Fenster gibt es ja viele Gerüchte”, sagt der langjährige Tierschutzbeauftragte, der Tierarzt und Fachtierarzt für Versuchstierkunde ist. Er ist der Chef des ZETT. Dort sind aber “nur” viele Meter lange Rohre für die Klimatisierung untergebracht. Die gesetzlichen Ansprüche für die Tierhaltung seien hoch: “Während Menschen in anderen Gebäuden auf dem Campus im Sommer schwitzen, haben die Tiere hier bei uns immer konstante Temperaturen.”

“Die Hunde sind so viele Menschen nicht gewohnt”

Für die Hunde gibt es im obersten Stockwerk einen Outdoor-Auslaufbereich: “Der Boden ist beheizt, es gibt sogar Sonnenschutz.” Die Beagle- und Foxhound-Hunde wollen durch das Gitter gestreichelt werden. Sichtbare Verletzungen haben sie nicht. Ein Hund, der in einer Ecke steht, zittert: “Die Hunde sind so viele Menschen nicht gewohnt.”

Während der Führung wird viel über die Besonderheiten der Tierhaltung erzählt und über das Tierschutzgesetz, das genau regele, wie die Tiere gehalten werden sollten und was ihre Bedürfnisse sind. Eine alte Fassung des Tierschutzgesetzes hängt an einer Wand im Eingang. 

Auf Nachfrage wird dann über einzelne Versuche berichtet, die vor allem für die Grundlagenforschung vorgenommen werden. Bei den Schweinen würden Herzinfarkte simuliert, indem Koronargefäße verschlossen würden. Dadurch erhoffe man sich Aufschluss darüber, ob bestimmte Substanzen wirken, und über das Absterben von Gewebe. Die Ergebnisse sollen die Überlebenschancen von Menschen steigern. Zahnmedizinische Versuche an den Beagle-Hunden, bei denen den Tieren Zähne gezogen wurden, seien notwendig gewesen, um mehr über die Infektionen bei Zahnimplantaten zu erfahren. “Oder wollen Sie nach dem Einsetzen Herzklappenentzündungen?”, fragt der Mediziner.

An den kleinen Marmoset-Äffchen würden Verhaltensexperimente ausgeführt. “Sie werden nur beobachtet.” Demnächst könnten sich die Tiere über mehr Platz freuen: Dazu habe man sich aus freien Stücken entschieden, ein gesetzlicher Zwang bestehe nicht. Die OP-Räume sehen wie Human-OPs aus. “Doch hier wird nicht am laufenden Band operiert”, sagt der Tierschutzbeauftragte.

“Bislang können wir nicht auf Versuche verzichten”

Verantwortung und Tierschutz – diese Worte fallen oft. Man arbeite daran, die Zahl der Versuche zu verringern und alternative Testmethoden zu entwickeln, etwa mit der Forschung an Zellkulturen außerhalb des Körpers oder der Züchtung von Organoiden aus Stammzellen. “Menschen, die gegen Tierversuche sind, sollten sich fragen, ob sie an sich selbst Medikamente testen lassen würden und anderen Menschen beim Sterben zusehen wollen. Bislang können wir gesetzlich und medizinisch nicht auf Versuche verzichten.”

Der Tod begegnet uns bei der Führung nicht. 2015 sind 37.859 Tiere im ZETT gestorben.

Hier geht es zu unserem Kommentar zum Thema

Pro und Contra Tierversuche

Historie: Erste Experimente bereits in der Antike 

Quelle: RP

Article source: http://www.rp-online.de/nrw/staedte/duesseldorf/duesseldorf-einblicke-in-das-tierversuchslabor-der-universitaet-aid-1.6533770