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Mesut Özil mit Glanzleistung

Karel Jarolim hat sich bestimmt ziemlich aufgeregt. Das hat der Trainer der tschechischen Fußball-Nationalmannschaft jedenfalls vergangene Woche bereits in Aussicht gestellt. “Je häufiger ich die Spiele der deutschen Mannschaft sehe, umso mehr regt mich auf, wie gut sie sind”, sagte er vor dem WM-Qualifikationsspiel in Hamburg. In diesem Spiel befand sich dann einiges, das Jarolims Erregungspotenzial befeuern sollte. Denn die Deutschen genehmigten sich ein sehr gelungenes Heimdebüt in der Qualifikation. Sie bezwangen den am stärksten eingeschätzten Gegner in der Gruppe hochverdient mit 3:0. Und sie brachten das nicht gerade als sonderlich unkritisch verschrieene Hamburger Publikum derart in Wallung, dass es minutenlange Beifallskundgebungen gab und die Begeisterungswelle über die Ränge schwappte. “Das hat richtig Spaß gemacht”, sagte Verteidiger Mats Hummels.

Der Neu-Bayer trug dazu auf seine Weise bei. Gemeinsam mit seinem Innenverteidiger-Kollegen Jerome Boateng spielte er beeindruckende Serien von Diagonalpässen im Franz-Beckenbauer-Format über die halbe Platzlänge. Da staunten auch die Mitspieler. Benedikt Höwedes fasste die Vorstellung treffend so zusammen: “Die Pässe von den beiden Innenverteidigern waren grandios, echte Zuckerbälle.” Bundestrainer Joachim Löw bemühte die Sprache der Fachmenschen, als er feststellte: “Die Innenverteidiger haben das hervorragend gemacht – auch in der Spielauslösung.”

Das Mittel des Diagonalpasses, erklärte Löw, habe er schon im Training als geeignete Taktik gegen die tschechische Art, “sich in der Mitte zu massieren”, üben lassen. So viel Zugeständnis an die perfekte Vorbereitung musste wohl unbedingt sein. Da fiel es kaum ins Gewicht, dass Mittelfeldspieler Toni Kroos “überrascht von der offensiven Spielweise der Tschechen” war, während sein Trainer behauptete, die langen Bälle aus der Abwehr seien Teil seines großen Plans gewesen. Schließlich ließen die Angreifer beim Anrennen in ihrem Rücken Lücken, die Deutschlands Verteidiger nutzten. Das Ergebnis sah also ganz nach Plan aus.

Mit ihren kleinen Kunstwerken überspielten Hummels und Boateng den größten Teil der tschechischen Mannschaft. Und weil die Außenverteidiger der DFB-Auswahl weit vorrückten, war damit die halbe Arbeit der Angriffsentwicklung getan.

Den Rest besorgte die vordere Reihe, in der Mesut Özil einen Glanztag erwischt hatte. Er bewegte sich mit der Leichtigkeit, die nur den Großen gegeben ist, durch die aufgeweichten Verteidigungslinien und hatte bei fast allen deutschen Torchancen und Treffern den Fuß im Spiel. Thomas Müllers Führungstor bereitete er im Duett mit Mario Götze vor, dessen Querpass er zum Torschützen weiterstreichelte. Und vor Müllers zweitem Treffer zum 3:0-Endstand schob er Jonas Hector den Ball mit bestechender Präzision in den Lauf. Nur die Vorarbeit zum 2:0 überließ er einem Kollegen. Joshua Kimmich bediente Toni Kroos, der den Ball von der Strafraumgrenze mit der Innenseite flach ins Toreck schob.

Das Publikum war hingerissen. Und Özil fand das ziemlich logisch. “Wir haben schönen Fußball gezeigt”, erklärte der Mittelfeldspieler von Arsenal London, “das freut die Fans, und uns freut es auch.” Löw machte es eine Spur staatsmännischer: “Es war auf jeden Fall eine überzeugende Leistung.”

Sein Kollege Jarolim regte sich darüber nicht nur auf, er hatte es sogar erwartet, dass er sich aufregen würde. “Wir wussten, was da auf uns zukommt”, gestand Tschechiens Coach. Und anders als Löw, der zunächst mal nur bis zur Begegnung mit Nordirland am Dienstag schaut, blickte Jarolim in die weitere Zukunft der DFB-Auswahl. “Es ist keine Frage, wer Gruppenerster wird, Deutschland ist die klare Nummer eins”, sagte er. Das beweise nicht nur das Ergebnis dieses vermeintlichen Spitzenspiels, “sondern auch die Art, wie das Spiel verlaufen ist”. Da werden selbst kritische Geister nicht widersprechen.

Quelle: RP