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Münster

Marlis und Uwe Böken sind geschiedene Leute. Aber getrennte Wege können sie nicht gehen. Seit acht Jahren führen sie einen Kampf für die Wahrheit, für Gerechtigkeit – und vor allem für ihre Tochter Jenny. An diesem Mittwoch sitzen sie wieder eng zusammen. Sie im Rollstuhl und mit halbtransparenter, dunkler Bluse, er mit kurzärmeligem Hemd und Krawatte. Es ist unerträglich warm. Die beiden schwitzen.

Sitzungssaal eins des Oberverwaltungsgerichts Münster, Böken gegen Bundesrepublik Deutschland, Aktenzeichen 1A 2359/14. Stehen Marlis und Uwe Böken 20.000 Euro für ihre tote Tochter als Entschädigung der Bundeswehr zu? Das Verwaltungsgericht Aachen hatte sich 2014 in der Vorinstanz dagegen entschieden, in Münster wird aufgerollt, ob sich Jenny an Bord in besonderer Lebensgefahr befunden hat.

Das Verfahren ist kompliziert. Vor allem, weil sich der Tod einer 18-Jährigen nur mit Widerwillen unter Paragrafen fassen lässt. Weil Eltern um ihr Kind trauern, weil man doch ein Menschenleben, noch dazu ein so junges, nicht mit einer lächerlichen Summe Geld aufwiegen kann. Weil das alles nun acht Jahre her ist. Aber auch, weil der Vorsitzende Richter Hans-Jörg Holtbrügge neun Zeugen an einem Tag vernehmen und sogleich die Entscheidung verkünden will. Und schließlich, weil der Rechtsanwalt der Eltern, Rainer Dietz, andere Prioritäten hat als das Gericht.

In der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008 war Jenny Böken als Offiziersanwärterin auf dem Segelschulschiff der Marine Gorch Fock. Sie hatte mit einer Kameradin den Dienst getauscht und fand sich daher ab etwa 22 Uhr auf dem “Ausguck” am vorderen Teil des Schiffs wieder. Dort sollte sie nach Schiffen oder Treibgut suchen. Jede halbe Stunde musste sie durch ihre Flüstertüte melden, dass die Lampen leuchten und sie wach ist. Um 23.30 Uhr blieb das Signal aus: Jenny meldete sich nicht mehr. Eine gute Viertelstunde später ertönt über die Lautsprecher der Gorch Fock Alarm: “Mann über Bord.” Jenny, das Mädchen aus Heinsberg, das bald mit dem Medizinstudium in Düsseldorf beginnen wollte, war in der Nähe von Norderney in die Nordsee gefallen. Elf Tage später fanden Forscher bei Helgoland ihre Leiche. Warum sie von Bord fiel, das ist bis heute nicht geklärt.

Das ändert sich auch in Münster nicht. Ein Meteorologe sagt aus, zwei Kameradinnen, der Schiffsarzt, der Kapitän, der Staatsanwalt, die Ausbildungsleiterin und zwei Marinesoldaten. Viele erinnern sich nicht mehr richtig, höchstens an ihre Aussagen bei vorherigen Verfahren. Stundenlang befragen Gericht und Anwälte die Zeugen. Warum all das an einem Tag geschehen muss, ist unklar. Wem damit geholfen ist, im Schweinsgalopp durch die Materie zu hasten, ebenso. Anwalt Dietz hat in verschiedenen Medien bereits verkündet, dass ihm an der Entscheidung über die 20.000 Euro nicht sonderlich gelegen ist. Er führt diesen Kampf, um den Strafprozess neu aufrollen zu können. Er will einen Schuldigen für Jennys Tod.

Ob der Dienst auf dem Ausguck der Gorch Fock nun besonders lebensgefährlich ist, soll an drei Dingen gemessen werden. Die Nordsee sei deutlich unruhiger gewesen als bisher angenommen, Jenny nicht vor dem über Bord gehen gesichert – und letztlich krank gewesen. Sie war in Seminaren immer wieder eingeschlafen, hatte Tage vor ihrem Tod über Unterleibsschmerzen geklagt und war in einer ersten Beurteilung als “für den Offiziersberuf nicht geeignet” eingestuft worden. Doch das war kein Grund, sie nicht an Bord der Gorch Fock zu lassen, sagt die Bundeswehr.

Tatjana Eisenreich versagt die Stimme. Sie kämpft mit den Tränen und kann sie nach ein paar stillen Sekunden nicht mehr zurückhalten. Gerade hat Rainer Dietz sie nach ihrer Begegnung mit Jennys Eltern befragt. Zitternd sagt sie: “Ich konnte doch nicht auf ihre Beerdigung kommen.” Eisenreich ist heute 27 Jahre alt und Ärztin im Krankenhaus der Bundeswehr. Sie war es, die mit Jenny den Dienst getauscht hatte. Kurz haben die beiden über das geplante Medizinstudium gesprochen. Das nächste, was sie von Jenny hörte, war: “Mann über Bord.”

In Jennys unendlichem Fall gibt es Ungereimtheiten. Unterschiedliche Angaben zum Wetter, den Sicherheitsvorschriften oder dem Ablauf. Erstaunlich ist die Seeaufzeichnung, wonach die Gorch Fock nur gut eine halbe Stunde in der Nordsee nach Jenny gesucht haben soll und danach wieder auf Kurs ging. In Münster wird all das bloß gestreift. Aber aufgeklärt wurde wenig.

Die Entscheidung war bei Redaktionsschluss noch nicht gefallen.

Quelle: RP

Article source: http://www.rp-online.de/panorama/der-unendliche-fall-der-jenny-boeken-aid-1.6260361