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Niederlage in der Champions League

Was wurde nicht schon alles über Ancelotti und die Bayern in der noch jungen Spielzeit geschrieben und gesagt? Zahlreiche Experten hatten einen ganz neuen Stil des Rekordmeisters erkennen wollen, ARD-Experte Mehmet Scholl ließ sich nach dem 6:0 der Bayern über Werder Bremen im Bundesliga-Eröffnungsspiel sogar zu der waghalsigen These hinreißen, dass “Ancelotti die Bayern freigelassen hat. Sie haben ihre Pep-Fesseln abgestreift.”

Dazu muss man wissen, dass all die übertriebenen Lobeshymnen nach einem guten, aber nicht überragenden Saisonstart der Bayern weniger dem neuen Trainer und der Mannschaft galten, sondern vielmehr dazu dienten, gegen den alten und ungeliebten Trainer Pep Guardiola nachzutreten. Viele Journalisten haben es immer noch nicht verwunden, dass der Katalane in seiner dreijährigen Schaffensperiode in München kein einziges Einzel-Interview, keine exklusiven Einblicke in seine Seele, die nächste Aufstellung oder gar sein Privatleben gab.

Niederlage hätte höher ausfallen können

Nun hat der FC Bayern bei Atletico Madrid 0:1 verloren. Absolut verdient. Ohne Guardiola. Und die Niederlage hätte für Ancelotti auch höher ausfallen können, wenn Manuel Neuer nicht das eine oder andere Mal in höchster Not einen individuellen Patzer seiner Vorderleute kaschiert hätte. Oder wenn Antoine Griezmann seinen Foulelfmeter in der Schlussphase nach vogelwildem Einsteigen von Arturo Vidal im Strafraum nicht an, sondern unter die Latte geschossen hätte.

Die Bayern indes hatten wenig klare Torgelegenheiten. Sie hatten zwar mehr Spielanteile, schafften es aber nie, die gegnerische Abwehr durch schnelle Angriffe auseinander zu ziehen und vor echte Probleme zu stellen. Es fehlte deutlich an Tempo und Durchschlagskraft im Angriffspiel. Zu pomadig verlief der Spielaufbau über die Mittelfeldspieler Xabi Alonso, Thiago Alcantara und Vidal. Dem Trio gelang es nicht, das Spiel an sich zu reißen und den Rhythmus zu bestimmen. Der zuletzt so starke Franck Ribéry blieb zudem auf dem linken Flügel nahezu wirkungslos, gleiches galt für den im Angriff abgemeldeten Robert Lewandowski. Atletico setzte nach dem 1:0 durch Yannick Ferreira-Carrasco immer wieder Nadelstiche und offenbarte bei Kontern über Griezmann und Fernando Torres immer wieder Schwächen in der Münchner Defensive, zeigten sich lediglich in der Chancenverwertung nachlässig.

Im Halbfinal-Hinspiel im April hatten sich die Bayern, damals noch von Guardiola trainiert, ebenfalls mit Atletico schwergetan, aber nach einer schwachen Anfangsphase den Gegner immer besser in den Griff bekommen und am Ende Pech, dass David Alaba im Vicente Calderon nur die Latte traf und damit den 1:1-Ausgleich verpasste. Das Ergebnis ist unter dem Strich jedenfalls gleich: 0:1 verloren. Das Rückspiel gewannen die Bayern daheim nach überzeugender Leistung 2:1 und zogen nur deshalb nicht ins Endspiel ein, weil Thomas Müller einen Elfmeter verschoss.

Guter Saisonstart ist trügerisch

Die Bayern müssen nicht nur aus der aktuellen Niederlage in Madrid, sondern auch aus den teils schmeichelhaften oder trügerischen Siegen im Supercup über Dortmund (2:0) oder in der Liga auf Schalke (2:0), in Hamburg (1:0) und vor allem gegen Ingolstadt (3:1) ihre Lehren ziehen. Sie müssen gegen tiefstehende Gegner zwingender und direkter nach vorne spielen, in der Offensive die Außenbahnspieler besser einsetzen, einfach unberechenbarer agieren und nach Ballverlusten kompakter in die Defensive umschalten, um das ambitionierte Saisonziel nicht zu gefährden.

Und das ist, das haben die vergangenen drei Jahre gezeigt, einzig und allein der Gewinn der Champions League. Sei diese Vorgabe auch noch so überzogen und schwer umzusetzen. Der Gewinn der Meisterschaft und des DFB-Pokals werden vom Umfeld und Verein gleichermaßen vorausgesetzt, auch wenn der Klub das nie öffentlich verkünden würde. In dieser Form wird es für Ancelotti und sein Team jedoch auch schwierig, die bereits fest einkalkulierten Titel an die Säbener Straße zu bringen. Die Konkurrenz aus Dortmund schläft nicht – und zeigt berauschenden Fußball wie am Dienstag beim 2:2 gegen Real Madrid, als die Mannschaft von Trainer Thomas Tuchel den Titelverteidiger und Rekord-Titelträger in der Königsklasse phasenweise an die Wand spielte und nach Belieben beherrschte.

Für Ancelotti, der in seinen 19 Trainerjahren mit den Topteams Juventus Turin, AC Mailand, FC Chelsea, Real Madrid und Paris Saint-Germain ganze vier nationale Meistertitel gewann, dafür aber drei Mal in der Champions League triumphierte, wird die Saison noch zu einer großen Herausforderung. Selbst wenn bei ihm die Messlatte nicht genauso hoch gelegt wird wie bei Guardiola, der nach drei Meisterschaften, zwei Pokalsiegen und drei Halbfinal-Teilnahmen in der Champions League mit den Bayern mindestens als unvollendet betrachtet wird. Einige sagen auch, er sei gescheitert.