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Oktoberfest – Die Hochsicherheits

Anfangs gibt sich Josef, genannt Seppi, Schmid noch widerspenstig. “Über die Sicherheit habe ich doch schon mehrfach informiert”, sagt der Münchner CSU-Wirtschaftsbürgermeister, der für das Oktoberfest zuständig ist. “Ich möchte jetzt die schönen Seiten der Wiesn zeigen.” Es ist Schmids traditioneller Presserundgang vor dem Fest. Diesmal wirbt er etwa für das Laufgeschäft “Amazonas”, wo Besucher auf Wasserfälle, Vulkane und lebende Piranhas stoßen. Schmid zeigt das rasende Karussell “Breakdance No. 1”. Er sagt: “So etwas bin ich früher auch gerne gefahren.”

An die 150 Medienvertreter sind dieses Mal zum Rundgang gekommen, mehr als sonst, darunter auch viele aus dem Ausland. Schmid – gekleidet in Janker, kariertes Hemd, Lederhose, dunkelrote Kniestrümpfe und Haferlschuhe – wird klar, dass er sich fügen muss. Dass er ungezählte Male antworten muss auf das beherrschende Thema des Oktoberfestes 2016: die Sicherheitslage, die Furcht vor Anschlägen.

In Bayern hatten sich in der zweiten Juli-Hälfte gleich drei Bluttaten binnen weniger Tage ereignet. Bei den islamistisch motivierten Attentaten von Würzburg und Ansbach kam es zu vielen Verletzten. Der Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) forderte neun Todesopfer, meist junge Ausländer. Alle drei Täter kamen ums Leben.

“Es gibt keinen Grund zur Sorge”

In eine Kamera und in ein Mikrophon nach dem nächsten sagt Josef Schmid nun Sätze wie: “Es gibt keinen Grund zur Sorge, es gibt keine konkrete Bedrohungslage.” Und so wird das 183. Oktoberfest morgen um 12 Uhr eröffnet, es dauert 17 Tage und endet am 3. Oktober, dem Tag der Deutschen Einheit. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter zapft traditionell das erste Fass an und hofft darauf, wieder nur zwei Schläge für die Prozedur zu benötigen. Dann erhebt er den Krug und wünscht sich mit lautstarker Stimme “eine friedliche Wiesn”.

Zumindest gewöhnlich wird die Wiesn nicht, das zeigt sich schon seit Wochen. Zwei Trachtenvereine etwa haben ihre Teilnahme am Umzug abgesagt, der am ersten Wiesn-Sonntag stattfindet. Begründung: Angst vor Terror. Firmen halten sich dieses Jahr zurück mit alkoholreichen Betriebsausflügen in eines der 14 großen Bierzelte. Einen bisherigen Höhepunkt markiert die Absage einer der bekanntesten Veranstaltungen: Regine Sixt, Gattin des millionenschweren Mietwagen-Unternehmers Erich Sixt, hat ihre “Damen-Wiesn” abgesagt.

Zu dieser Veranstaltung hatte sie in der Vergangenheit 1400 Frauen eingeladen – Freundinnen, Bekannte, Geschäftspartnerinnen. Für viele von ihnen war das immer der Höhepunkt des Oktoberfestes. Nun sagt Regine Sixt, sie könne zwar Verantwortung für sich selbst übernehmen, “aber nicht für alle anderen”. Damit bricht eine 25-jährige Tradition ab. Der Wirte-Sprecher Toni Roiderer schimpft unverblümt: “Frau Sixt schürt die Terrorangst.”

Boulevardpresse bezeichnete das Oktoberfest als “Wiesn-Käfig”

Josef Schmid und die Wiesn-Organisatoren betonen unermüdlich, dass alles getan wird, damit die Wiesn sicher ist. Gemäß einem neuen Konzept gelangt man nur durch die zwölf bewachten Eingänge auf das Areal, das so groß ist wie 59 Fußballplätze. Bisherige Lücken sind mit einem 350 Meter langen mobilen Rollzaun geschlossen worden. Die Münchner Boulevardpresse bezeichnete das Oktoberfest daraufhin als “Wiesn-Käfig”. Die am häufigsten geäußerte Befürchtung, dass der Zaun im Falle eines Anschlags oder einer Panik zu einem womöglich tödlichen Hindernis werden könnte, hält Bürgermeister Schmid für unbegründet: “Der Zaun ist in nur 50 Sekunden komplett eingerollt.”

Neu ist auch das Verbot von Rucksäcken – diese und größere Taschen dürfen nicht auf das Gelände mitgenommen werden, man kann sie bei Gepäckaufbewahrungsstellen abgeben. Kleine Handtaschen und alles andere werden an den Eingängen durchsucht. 350 Polizisten werden auf dem Gelände im Dienst sein, die Wiesnwache hat die Zahl der Videokameras von 19 auf 29 erhöht. Für die Sicherheit in den Zelten sind die Gastwirte zuständig, die meisten von ihnen haben mehr Security-Personal eingestellt und teilweise auch Videokameras installiert. Doch trotz dieses ganzen Aufwands bleibt bei vielen Bürgern ein ungutes Gefühl.

Rund sechs Millionen Besucher erwartet

Der Rektor einer Münchner Grundschule etwa verkündete seinem Kollegium zum Schulbeginn, dass es dieses Jahr keinen gemeinsamen Wiesn-Abend der Lehrerinnen und Lehrer geben wird. “Ich habe keine Lust dazu”, sagt er. “Ich würde nicht entspannt feiern können.” Viele diskutieren in diesen Tagen die Wiesn-Frage – wie die Familie B. aus Neuried, südwestlich von München gelegen. “Wir genießen immer diese besondere Jahreszeit”, sagt die Mutter Maren. “Doch jetzt ist die Stimmung gedämpft.” Die 14-jährige Tochter hat mit ihren Freundinnen beschlossen, diesmal nicht auf das Fest zu gehen. Die Eltern werden zwei Einladungen wohl absagen. Maren B. hat für sich beschlossen, “das Wiesn-Flair außerhalb der Theresienwiese zu genießen”. Zugleich meint sie: “Aber schad is scho.”

Bisher ist nicht absehbar, ob es Einbußen geben wird. Normalerweise kommen pro Oktoberfest rund sechs Millionen Besucher. 7,5 Millionen Maß Bier werden ausgeschenkt, eine halbe Million halbe Hendl verzehrt und – so die Zahlen von 2015 – 122 Ochsen und 51 Kälber. Der wirtschaftliche Wert der Wiesn wird von der Stadt München auf 1,1 Milliarden Euro taxiert. Nun werben Kabarettisten wie Luise Kinseher mit Oktoberfest-Herzen um den Hals, auf denen steht: “I geh! Du aa?” Und Georg Schmid meint: “Ich freue mich jetzt schon auf 17 Tage Fest. Kommts alle aufd Wiesn!”

Article source: http://www.rp-online.de/panorama/deutschland/oktoberfest-die-hochsicherheits-wiesn-aid-1.6262760