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Ralph Hasenhüttl im Interview

Herr Hasenhüttl, haben Sie diese Woche “Wer wird Millionär” geschaut?

Ralph Hasenhüttl Nein (lacht). Aber ich weiß, worauf Sie anspielen. Ich wurde mehrfach darauf angesprochen.

Gefragt wurde bei der 4000-Euro-Frage, wer sich zu Saisonbeginn tierisch auf seinen neuen Job als Bundesligatrainer freute. Zur Auswahl standen drei Scherznamen und ihrer. Der Kandidat kannte Sie nicht.

Hasenhüttl Und offenbar fand er meinen Namen derart unglaubwürdig, dass er nicht auf mich getippt hat. Wir wollen ihn demnächst mal zu uns einladen. Dann bekommt er die Gelegenheit, mich kennenzulernen und ist hoffentlich nicht mehr so traurig über sein Ausscheiden.

Dabei spricht im Moment ganz Fußball-Deutschland über RB Leipzig. Ihr Team ist sicher die Überraschung der Saison. Für Sie selbst auch?

Hasenhüttl Ich bekomme die Reaktionen natürlich mit und freue mich darüber. Wir im Verein haben versucht, uns vom ersten Tag auf die neue Liga einzustellen – das gelingt bisher richtig gut. Aber es ist erst ein Drittel gespielt, wir tun also gut daran, auf dem Boden zu bleiben.

Geht das überhaupt? Leipzig ist nach zehn Spieltagen ungeschlagen und punktgleich mit den Bayern, schießt mit die meisten Tore und kassiert mit die wenigsten. Das sind klare Indizien für ein Spitzenteam, oder?

Hasenhüttl Dass wir aktuell als Bayern-Jäger gesehen werden, ist eine schöne Auszeichnung. Ich finde auch nicht, dass wir uns dafür schämen müssen, so weit vorne zu stehen. Wir können den Moment jedoch richtig einordnen. Zu wissen, dass wir Zweiter sind, hilft uns nämlich keinen Millimeter, das nächste Spiel zu gewinnen. Trotz der Punktgleichheit mit den Bayern, die aufgrund ihrer Möglichkeiten ein Alleinstellungsmerkmal in Deutschland genießen und auch deshalb unter enormem Erfolgsdruck stehen, trennen uns immer noch Welten.

Der Großteil Ihrer Mannschaft betrat nach dem Aufstieg Bundesliga-Neuland, was offenbar kein Nachteil ist.

Hasenhüttl Dass diese Jungs, die im letzten Jahr zu sehr großen Teilen zweite Liga spielten, derart schnell den nächsten Entwicklungsschritt vollziehen würden, war so vielleicht nicht zu erwarten. Aber es zeigt, was Automatismen bewirken können. Wir haben ihnen vor der Saison gesagt: Ihr müsst bereit sein, euch schnell an das Niveau zu gewöhnen. Diese Lernwilligkeit und -fähigkeit haben sie bewiesen. Deswegen machen sie es momentan auch so gut.

Haben Sie derartige Fortschritte selbst für möglich gehalten?

Hasenhüttl Das enorme Potenzial dieser Spieler war für mich einer der Gründe, nach Leipzig zu kommen. Außerdem wollte ich meine Vorstellung vom offensiven Pressing und schnellen Spiel gegen den Ball hier fortsetzen. Der Verein hat im Sommer tolle Arbeit geleistet und mir einen Kader zur Verfügung gestellt, mit dem man sehr variabel arbeiten und für alle Probleme innerhalb eines Spiels in Abstimmung auf den Gegner Lösungen finden kann.

Heißt, es kommt gar nicht so sehr auf die individuelle Qualität an, sondern es geht vielmehr darum Spieler zu finden, die in das System passen?

Hasenhüttl Unser Star ist das System. Wenn es funktioniert, hat es jeder Gegner schwer, gegen uns zu gewinnen. Aber jedes System ist nur so gut wie die Einzelspieler, die es zum Leben erwecken. Sie bekommen dafür einen Plan und können diesen ohne Angst und mit einer gewissen spielerischen Freiheit umsetzen.

Welche Rolle spielt Motivation?

Hasenhüttl Für ein Bundesligaspiel muss ich keinen meiner Spieler motivieren. Die sind so etwas wie Erfolgsjunkies, die regelmäßig diese Infusion brauchen. Wenn sich der Moment des Gewinnens bietet, wollen wir ihn nutzen. Meiner Meinung nach gibt es keinen Ersatz für Siege.

Sie stehen für einen offensiven, laufintensiven und mutigen Stil. Kompensiert dieser ein Stück weit die fehlende Erfahrung ihrer Truppe?

Hasenhüttl Um erfolgreich zu sein, ist es nicht notwendig, viel Erfahrung mitzubringen. Das Entscheidende ist, dass die Jungs zu 100 Prozent von unserer Idee überzeugt sind. Dieses Vertrauen hilft ihnen, Topleistungen abzurufen. Wir konzentrieren uns auf unsere Automatismen, die Arbeit gegen den Ball und darauf, dass die Synchronität stimmt. Die Erfahrung holen wir uns jetzt, in dem wir vieles aufsaugen und schnell lernen.

Spielt RB derzeit am Limit, oder ist sogar noch eine Steigerung möglich?

Hasenhüttl Ich glaube nicht, dass wir am Ende unserer Entwicklung sind. Warum sollten wir das sein? Die Mannschaft hat sich bisher stets verbessert. Aber jeder Gegner stellt uns vor eine neue Herausforderung. Das Spiel in Leverkusen ist der nächste Gradmesser.

Am Freitag treffen mit Ihrer und der von Roger Schmidt zwei ähnliche Philosophien aufeinander. Was erwarten Sie für ein Spiel?

Hasenhüttl Auf jeden Fall ein interessantes und temporeiches. Ich glaube, dass es sehr viele Umschaltmomente geben wird, das ist die Stärke beider Teams. Trotzdem gibt es Nuancen, die wir anders machen. Es wird spannend zu sehen sein, wer die besseren Lösungen hat.

Schmidt überrascht Ihr Erfolg nicht. Er kennt RB aus seiner Salzburger Zeit, traut Leipzig zu, dauerhaft um die Europacup-Plätze mitzuspielen und sagt: Das Potenzial wird dort optimal ausgeschöpft. Stimmt das?

Hasenhüttl Es wäre schön, wenn er Recht hätte, leider kann er mir das nicht schriftlich geben.

Und er sagt auch: Die finanziellen Bedingungen sowie die professionellen Strukturen machen Leipzig nicht zu einem normalen Aufsteiger.

Hasenhüttl Ich kenne die Bedingungen in Ingolstadt, die waren auch nicht schlecht. Mit unseren Möglichkeiten sind wir erst aufgestiegen und letzte Saison souverän Elfter geworden. Und ich kenne die Bedingungen in Leipzig. Die sind toll, dennoch sind wir auch hier mit einem Großteil des Zweitligateams in die Bundesliga gegangen. Das darf man nicht vergessen. Was am Ende herauskommt, ist mir daher im Moment nicht so wichtig – vielmehr, dass wir uns in der Realität zurechtfinden.

Als Spieler sind Sie mit Köln in die Bundesliga aufgestiegen, mussten dann den Verein verlassen. Leben Sie nun als Trainer den Erstliga-Traum?

Hasenhüttl Ich habe als Stürmer in den drei Jahren dort drei Tore geschossen. Als Trainer hätte ich den Spieler Hasenhüttl auch nicht weiter beschäftigt, trotzdem war ich traurig, dass ich nach diesem Erfolg gehen musste, weil ich eine tolle Zeit hatte. Dass ich irgendwann als Trainer in der Bundesliga aufschlagen würde, hätte ich mir damals natürlich nicht träumen lassen. Insofern kann ich das bejahen.

Ralf Rangnick, selbst ein akribischer Fußball-Lehrer, hat sie ausgewählt, das Projekt RB Leipzig als sein Nachfolger weiterzuführen – ehrt Sie das, oder ist das mehr Bürde?

Hasenhüttl Das ist ein großer Vertrauensbeweis. Ich bin ihm sehr dankbar und sehe das als befruchtende Zusammenarbeit. Sicher ist es eine spezielle Situation, dass der Aufstiegstrainer danach Sportdirektor ist, aber das ist kein Problem. Bis jetzt ist es uns sehr gut gelungen, unsere gemeinsame Philosophie voranzutreiben. Nur darum geht es doch, der Mannschaft all unser Wissen zur Verfügung zu stellen. Da nimmt sich keiner zu wichtig.

Welche Relevanz haben für Sie die Diskussionen um Werks- und Retortenklubs contra Traditionsvereinen?

Hasenhüttl Ich erlebe zunehmend, dass sich die Leute begeistert über unseren Verein mit all seinen positiven Attributen äußern. Und dass sie uns zudem mit unserer Art zu spielen als Bereicherung für die Liga empfinden. Unser Stadion ist mit über 40.000 Zuschauern regelmäßig ausverkauft. Ich schätze die Traditionsklubs, weil sie wichtiger Bestandteil unserer Fußball-Kultur sind. Doch man sollte uns auch die Zeit geben, an unserer Tradition zu arbeiten. Wir fangen gerade erst damit an, aber das ist mindestens genauso spannend und hat genauso seine Berechtigung im Fußball.

Quelle: RP

Article source: http://www.rp-online.de/sport/fussball/rb-leipzig/rb-leipzig-ralph-hasenhuettl-im-interview-aid-1.6400561