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Salafistenprediger Sven Lau vor Gericht

Irgendwann will keiner mehr die Videos sehen, die im Saal des Hochsicherheitstraktes auf die riesigen Leinwände projiziert werden. Sven Lau sitzt mit gesenktem Kopf auf seinem Platz und macht ein freundliches Gesicht. Sein Anwalt Mutlu Günal starrt auf den Bildschirm seines Laptops, auch der Vorsitzende Richter Frank Schreiber verschwindet fast hinter seinem aufgeklappten Laptop. Die Vertreter der Bundesanwaltschaft blicken nur gelegentlich auf die Leinwand, selbst der Sachverständige Ekkehard Schreiber (59), der am 13. Verhandlungstag in Düsseldorf als Zeuge geladen ist, schaut nicht mehr zu.

Über ihren Köpfen redet sich der derzeit wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagte Salafistenprediger in Rage. Er glorifiziert im Video einen seiner alten Weggefährten: Isa al Muhajer alias Marco K. aus der Salafistenszene in Mönchengladbach, der 2013 im Alter von 23 Jahren bei einem Bombenanschlag in Syrien ums Leben gekommen sein soll. Lau bezeichnet ihn im Video als “Märtyrer” und “Held”; seinen Zuhörern er, “solchen Geschwistern Folge zu leisten”. Damit rufe er zum Dschihad auf, sagt der Sachverständige.

Deutsche Muslime als “Palaverköpfe”

Die Verhandlung zeigt ein Dilemma, in dem sich der Prozess befindet. Auf der Anklagebank sitzt ein Salafist, der in seinen Videos zum Handeln aufruft und deutsche Muslime als “Palaverköpfe” abstempelt, wenn sie sich nicht auf den Weg nach Syrien machen, um zu kämpfen, oder wenigstens ihren Besitz spenden.

Doch die Anklagepunkte konnten im Prozess noch nicht ein einziges Mal erörtert werden, weil die Zeugen alle schweigen oder nur etwas zu Laus persönlichen Umständen und seinem Gedankengut aussagen. So tritt der Prozess auf der Stelle, seit 13 Verhandlungstagen geht es um das, was Lau gesagt hat – nicht um das, was er getan hat. Lau lobt zwar, wenn Muslime nach Syrien ausreisen und dort kämpfen, sagt aber gleichzeitig von sich selbst, er sei kein “Mujahedin”, also kein Gotteskrieger, und habe sich bei seinem Syrienaufenthalt “wie ein Feigling” gefühlt, weil er nur humanitäre Hilfe leiste.


Fotos: Sven Lau beim Prozessauftakt in Düsseldorf

FOTO: dpa, fg pil

Bisher kann anhand von Zeugenaussagen nicht belegt werden, dass Lau unter dem Deckmantel humanitärer Hilfe eine dem IS nahestehende Terrormiliz in der Gegend von Aleppo unterstützt hat, wie es ihm die Anklage vorwirft. Keiner hat bisher dazu ausgesagt, ob Lau Nachtsichtgeräte für die Kampfgruppe organisierte, ob er wirklich zwei junge Männer an sie vermittelte und ob er Geld nach Syrien brachte.

Gutachter Ekkehard Rudolph arbeitet als Islamwissenschaftler für das Landeskriminalamt NRW und hat während der Ermittlungen mehrere Videos, zwei Facebook-Seiten und Äußerungen von Lau ausgewertet. Die Videos zeigen seiner Meinung nach, dass Lau ab 2011 salafistisch-dschihadistisches Gedankengut vertrat und es in seinen Videos propagierte.

Nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß

Rudolph kann belegen, dass Lau in engen Schemata denkt. Für ihn gibt es nur Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Die Salafisten stehen auf der richtigen Seite, und alle anderen sind gegen sie. In seinen Videos bittet er darum, Allah möge ihm das Wahre als wahr zeigen und das Falsche als falsch. Doch wozu er letztlich aufruft, bleibe im Dunkeln. “Es bleibt nebulös, in welcher Form auch immer sich die Muslime in Syrien engagieren sollen.” Lau ist vage. “Seine Zielgruppe, junge unentschlossene Muslime, weiß wahrscheinlich, was sie daraus schließen soll”, sagt der Gutachter.

Der Richter fragt nach, für wen oder gegen wen Lau sich denn einsetze. “Es gibt keine Empfehlung, welcher Gruppe man sich in Syrien anschließen soll”, antwortet der Sachverständige.


Porträt: Das ist Sven Lau

FOTO: Raupold

Es gibt nur Anhaltspunkte dafür, wie weit sich Lau mit den Dschihadisten des IS eingelassen hat. Es gibt die Verbindung zu ehemaligen Weggefährten wie Konrad S., der die Kampfgruppe in Syrien angeführt haben soll, oder Isa al Muhajer, von dem aber nicht bekannt ist, in welcher Funktion er in das Bürgerkriegsland ausreiste.

Ein weiteres Video mit dem Titel “Sven Lau unter Beschuss in Syrien” aus dem Oktober 2013 zeigt den Salafistenprediger in der Nähe eines syrischen Gefängnisses bei Aleppo. Das Video ist immer noch bei Youtube zu finden. Darin ruft Lau zu Spenden an das Gefangenennetzwerk “Ansarulaseer” auf, das mittlerweile verboten wurde. Das Video wurde von der Propaganda-Plattform “Independet Journalists” veröffentlicht, die sich gezielt an Ausreisewillige wendet. Auch der ehemalige Rapper und IS-Kämpfer Denis Cuspert soll dort ein Profil haben. Doch diese Anhaltspunkte beweisen nichts, für religiösen Fanatismus geht niemand ins Gefängnis. Das weiß auch Lau. Sein Lächeln bleibt, am Ende zeigt er im Gespräch mit seinem Anwalt Mutlu Günal sogar einen emporgereckten Daumen.