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Sieg bei US Open

Irgendwann an diesem Abend sagt Angelique Kerber diesen Satz, der so viel über ihren Weg bis zur Weltspitze aussagt. “Ich wollte immer Grand Slams holen, jetzt habe ich zwei in einem Jahr geholt. Das kann mir keiner mehr nehmen”, verkündet die 28-Jährige. “Das ist auch eine Erleichterung: Ich weiß, ich gehöre da jetzt wirklich hin.” Tatsächlich hat sie sehr lange daran gezweifelt, ob sie das Zeug dazu hat. Als 15-Jährige bat Bundestrainerin Barbara Rittner sie, auf einem Papier einmal aufzuschreiben, was ihre Ziele als professionelle Spielerin seien. Kerber notierte: “Nummer eins der Welt werden.” Nun gibt es viele, die als Jugendliche große Träume hatten – die wenigsten davon sind wirklich in Erfüllung gegangen.

Kerber hat sich ihre Träume erarbeitet. Ihr ist in ihrer Karriere nichts zugeflogen, nichts ist einfach so geschehen. Vor ein paar Jahren führte sie ein ernstes Gespräch mit Rittner und ein paar engen Vertrauten. Es ging darum, ob es aus ihrer Sicht überhaupt noch Sinn hatte weiterzumachen. Sie war damals eine Mitläuferin in der Weltrangliste. Nicht hoffnungslos abgeschlagen, aber eben auch ohne erkennbare Aussichten, ganz nach oben aufzusteigen. Die Schlagzeilen bestimmten zumindest im deutschen Tennis Sabine Lisicki und Andrea Petkovic.

Tipps von Graf

Es sind die Erinnerungen an diese Zeiten, die Kerber geprägt haben. Die sie nachdenklich gemacht haben. Die sie zum Umdenken angeregt haben. Eine sehr enge Beziehungsperson ist seither Rittner gewesen, die sich etwas Besonderes hat einfallen lassen, um Kerber weiter anzutreiben. Die gebürtige Krefelderin hat den nach wie vor engen Kontakt zu ihrer alten Mitspielerin Stefanie Graf genutzt und eine Art Patenschaft vermittelt. In Las Vegas durfte Kerber mit Graf ein paar Übungseinheiten spielen – viel wichtiger: Graf hat ihr Tipps gegeben, wie man sich mental auf das Spiel fokussiert. Nachdem sich Kerber schon zwei Tage vorher zur ersten deutschen Nummer eins seit Graf vor 19 Jahren gekrönt hatte, ließen die Glückwünsche aus Las Vegas auch diesmal nicht lange auf sich warten. “Klasse erarbeitet, gekämpft und Nervenstärke bewiesen!”, schrieb Graf auf ihrer Facebookseite. “SUPER Angie !!!” Und der Deutsche Tennis Bund zitiert sie in einer Mitteilung: “Es ist wirklich ein Traum, wie gut Angie während des gesamten Turniers und jetzt im Finale in Flushing Meadows gespielt hat.”

Es ist das Jahr von Angelique Kerber. Mit dem Australian-Open-Triumph, dem Endspiel in Wimbledon und der Silbermedaille in Rio krönte Angelique Kerber es am 10. September mit ihrem ersten Titel bei den US Open. “Dieses Grand-Slam-Turnier hatte für mich immer eine andere Bedeutung als alle anderen Turniere”, erzählt sie. Mit ihrem damals sensationellen Halbfinal-Einzug 2011 begann ihre Wandlung über eine konstante Top-Ten-Spielerin mit dem Hang zur Nervenschwäche und Niederlagen in engen Situationen hin zur körperlich fittesten und mental abgezocktesten Spielerin auf der Tour.

Denn Kerber kämpfte immer auch gegen Zweifler und Skeptiker. Experten, die schon über ihren ersten Erfolg überrascht waren, ihr aber keine Wiederholung zutrauten. “Die Nummer eins konnte mir niemand mehr nehmen. Aber für mich war es wichtig, nach dem Finale in Wimbledon, das ich verloren habe, jetzt die Partie für mich zu entscheiden. Daher habe ich am Ende alles gegeben und alle meine Kräfte rausgeholt”, berichtet Kerber. Nach einem 1:3-Rückstand im dritten Satz hatte sie zuvor noch das Endspiel gedreht und die Tschechin Karolina Pliskova nach mehr als zwei Stunden nervenstark und abgezockt 6:3, 4:6, 6:4 bezwungen.

Kerber ist nun endgültig eine ganz Große. Zu einer Gigantin wie Graf wird sie nicht aufsteigen, aber das war auch nie ihr Ziel – und ist vermutlich ohnehin nur bedingt erstrebenswert. Graf wird immer das Original bleiben, die erste Deutsche, die über Jahre die Szene dominiert hat. Und auch in diesem Punkt ist Kerber eine Arbeiterin. Wegen ihr werden sich am Montagmorgen nicht hunderttausende Kinder bei einem Tennisverein anmelden. Wegen ihr sind aber immerhin 1,14 Millionen Zuschauer am Samstagabend wach geblieben und haben sich das Endspiel bei Eurosport angesehen. Das ist sicherlich noch ausbaufähig, aber es ist ein vielversprechender Anfang.

Kerber schreibt eine Erfolgsgeschichte – auf ihre Weise.

Quelle: RP