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Ständehaustreff mit Bahn-Chef Grube

Eigentlich müsste Bahn-Chef Rüdiger Grube seinen Hut nehmen: Sein Konzern machte 2015 rund 1,3 Milliarden Euro Verlust, so viel wie nie seit Grubes Amtsantritt 2009. Die Gütersparte ist defizitär, bei Langstrecken nehmen Fernbusse der Bahn Passagiere weg, Bahnhöfe und Schienen sind renovierungsbedürftig. Hinzu kommt der Ärger mit Anwohnern, die sich durch laute Güterzüge belästigt fühlen. Viele Züge sind unpünktlich.

Das alles soll besser werden, kündigte der 65-Jährige beim Ständehaus-Treff in Düsseldorf an, bei dem er sich den Fragen von Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post, stellte.

Jeden Tag elf Selbstmorde auf Bahnschienen

Vor allem das Thema Pünktlichkeit treibt die Bahn um. Für wiederkehrende Verzögerungen durch Herbstlaub, ausgefallene Klimaanlagen und Langsam-Fahrstellen haben Kunden wenig Verständnis. Im August kamen laut Konzern 80,5 Prozent der Züge im Fernverkehr pünktlich an, das heißt, maximal fünf Minuten später. Besser sieht es im Regionalverkehr aus: Hier kommen laut Bahn 95,7 Prozent der Züge pünktlich.

Für Verspätungen gebe es viele Gründe. “Jeden Tag gibt es elf Selbstmorde auf deutschen Bahnschienen”, sagte Grube erstmals. Seit der Wirtschaftskrise 2009 habe es einen deutlichen Anstieg gegeben. Man spreche ungern darüber, weil es oft Nachahmer gebe, so Grube.

Seine Botschaft für den Niederrhein: 7000 Häuser an der umstrittenen Betuwe-Linie sollen mit passiven Lärmschutz ausgestattet werden. Etwa 100 Kilometer Schallwände würden gezogen: “Der Güterverkehr wird deutlich leiser.” Außerdem kündigte er an, mit Düsseldorfs Oberbürgermeister Thomas Geisel ein Konzept für die Sanierung des Vorplatzes am Hauptbahnhof zu erarbeiten.

550 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft beim Ständehaus-Treff

Dauerbrenner sind die Sauberkeit der Züge und die Sicherheit der Bahnhöfe. Nicht erst seit den Übergriffen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht weiß die Bahn, dass man zwingend mit den Sicherheitskräften kooperieren muss.

Grube forderte mehr Wettbewerb. Die Bahn habe beim RRX den Zuschlag nicht bekommen, weil die Politik bei Ausschreibungen nur auf den Preis gucken dürfe: “Wir zahlen gute Löhne und ordentliche Pensionen. Wir fordern fairen Wettbewerb.” Auch gehe es nicht, dass sich die Bahn ausländischer Konkurrenz stellen müsse, sie selbst aber im Ausland oft nicht bieten dürfe.

Grube sprach beim Ständehaus-Treff, zu dem 550 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den früheren NRW-Landtag gekommen waren, auch über Privates. Er verriet, wie er sich mit 65 fit hält. Wann immer es geht, läuft er vor der Arbeit eine Stunde. Seine Marathon-Bestzeit: drei Stunden und 26 Minuten. Dass er mit vier Stunden Schlaf auskomme, verwies er ins Reich der Fabel: “Ich brauche sechs.”

“Einem Vertrag bin ich noch nie hinterhergelaufen”

Nach Düsseldorf kam er per Flugzeug – sonst hätte er den Termin nicht wahrnehmen können. Zugleich erzählte er, er telefoniere täglich mit zehn Kunden, die sich beschwerten. Unter anderem mit Heidi Klums Vater.

Als Sohn von Hamburger Obstbauern kämpfte Grube sich hoch: erst Hauptschule, dann Lehre als Flugzeugbauer. Abitur, Studium und eine Karriere, die ihn über MBB und Daimler an die Bahn-Spitze führte, traute ihm keiner zu. Doch Grube ist zäh. Ans Aufhören denkt er nicht. Bald legt der Aufsichtsrat fest, ob sein Mandat verlängert wird. Darüber entscheidet auch der Erfolg der Pünktlichkeits-Offensive. Grube sagte, er arbeite gern. “Aber einem Vertrag bin ich noch nie hinterhergelaufen.”

Article source: http://www.rp-online.de/wirtschaft/bahn-chef-ruediger-grube-zuege-werden-puenktlicher-aid-1.6255670