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Studie zu Kitas in NRW

Sabine Howaldt muss nicht lange überlegen. Was sie sich als Leiterin einer evangelischen Kindertagesstätte in Essen wünschen würde? “Dass die Träger finanziell besser ausgestattet werden.” Dann, so die 61-Jährige, könnte sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren und müsste nicht noch stundenweise in den Gruppen tätig werden. “Ich leite schließlich ein mittelständisches Unternehmen; bei uns sind 100 Kinder aus 37 Nationen”, sagt Howaldt.

Mit ihrer Forderung nach einer besseren Finanzausstattung der Kitas liegt sie ganz auf der Linie der Arbeiterwohlfahrt (Awo), die jetzt einmal mehr Alarm schlägt. Gestern stellte sie im Düsseldorfer Landtag eine Studie zur finanziellen Lage der Kitas in NRW vor, die die Fachhochschule Niederrhein in ihrem Auftrag durchgeführt hat. Das Land müsse viel mehr tun für die 9400 Kitas in NRW, betonte Awo-Geschäftsführer Jürgen Otto. Die Zuweisungen an die Träger seien nicht kostendeckend: “Die Träger bauen ihre Substanz ab.” Um qualitative Standards zu sichern, seien jährliche Mehrausgaben von rund 1,5 Milliarden Euro erforderlich.

86.000 statt 52.000 Euro

Was das bedeutet, zeigt sich am Beispiel der evangelischen Kita Am Wichelhausberg in Wuppertal. Dort sind die Stühle abgewetzt, Spielmaterial kann nur sehr sparsam ersetzt werden, und die Mitarbeiter arbeiten in Minimalbesetzung. Sobald die Grippe-Welle anrollt, werden nur noch Notgruppen angeboten, Ersatzpersonal fehlt schlicht. Nun hat sich die Diakonie zu einem radikalen Schritt entschlossen und gegen alle Budget-Bescheide, die für das laufende Kindergartenjahr an die Einrichtungen gehen, Widerspruch eingelegt. Denn von den zwölf Prozent Betriebskosten, die sie laut des derzeit geltenden Kinderbildungsgesetzes (Kibiz) als Träger beisteuern muss, sei sie weit entfernt, sagt Diakonie-Geschäftsführer Thomas Bartsch. Tatsächlich müsse sie mehr als 16 Prozent aufbringen. Alleine für die Kita Am Wichelhausberg, wo zwölf Mitarbeiter rund 60 Kinder betreuen, bedeutet das knapp 86.000 statt 52.000 Euro jährlich.

Nur dank Sonderzahlungen von der Kirche haben die evangelischen Kitas in Wuppertal im Geschäftsjahr 2014/15 keine Verluste verzeichnet, sagt Bartsch. Insgesamt zahlt die Evangelische Kirche für ihre 25 Einrichtungen in Wuppertal jährlich mehr als 1,5 Millionen Euro. Seit der Einführung des Kibiz 2007 hat sie vier Kitas an andere Träger abgegeben, fünf weitere wurden geschlossen. Von einst 2000 Plätzen sind nur noch gut 1300 vorhanden. Der juristische Weg sei die einzige Alternative zu weiteren Schließungen, sagt Diakonie-Mitgeschäftsführer Ulrich Liebner. Er wählt klare Worte: “Das Kibiz ist eine einzige Katastrophe.”

Die Kindpauschale, die das Land den Trägern überweist, ist davon abhängig, wie viele Wochenstunden die Eltern für ihr Kind “gebucht” haben und um welchen Gruppentyp es sich handelt. Sie beläuft sich zwischen 4600 und 16.000 Euro jährlich pro Kind. Die Kirchen bilden mit etwa 38,1 Prozent den Großteil der Träger in NRW. Zweitgrößte Trägergruppe sind die Kommunen (24,2 Prozent), die zu 22 Prozent an den Kosten beteiligt sind. Den Rest teilen sich freie Träger und Elterninitiativen, die zwischen vier und neun Prozent der Betriebskosten aufwenden müssen.

Ob die Eltern zur Kasse gebeten werden, hängt von der Stadt ab, in der sie leben. Manche Kommunen erheben gar keine Elterngebühren, andere wiederum langen ordentlich zu und stellen monatlich mehrere Hundert Euro in Rechnung. Dieses System muss man nicht für gerecht halten. Wenn es nach der Awo ginge, würde es wie bis 2006 wieder landesweit einheitliche Elterngebühren geben.

Die Zukunft der nächsten Generation

Der Streit über die Finanzen dürfe indes nicht den Blick verstellen für das Wesentliche, mahnt Werner Heister von der Fachhochschule Niederrhein. Die ersten sechs Jahre seien für ein Kind lebensprägend; Entwicklungspsychologen sprächen daher auch von den “Schicksalsjahren des Lebens”. In diesem Lebensabschnitt bildeten sich die meisten Verbindungen der Nervenzellen aus: “Es hat nachhaltige Folgen, wenn Kindern in dieser Zeit nicht die notwendige Bildung und Erziehung zuteilwird.” Die Kitas prägten daher “die unsere Zukunft und die der nächsten Generation”, sagte Heister.

Der Ruf nach einem “radikalen Schnitt (Heister) wird wohl nicht ungehört verhallen. Das NRW-Familienministerium mit Christina Kampmann (SPD) an der Spitze bereitet derzeit eine grundlegende Reform vor. Sie solle gewährleisten, “dass die Kitafinanzierung den Anforderungen der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung besser gerecht wird als das Kibiz”. Wichtig sei jedoch, dass sich alle Akteure weiterhin an der Finanzierung beteiligten, sagte eine Sprecherin zu unserer Redaktion. Das zielt auch auf die Awo, die am liebsten die Träger von ihrem Beitrag komplett entlastet sähe.

Quelle: RP

Article source: http://www.rp-online.de/nrw/panorama/kitas-in-nrw-100-kinder-37-nationen-zu-wenig-geld-aid-1.6399060