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Vielseitigkeitsreiten

“Wir sind durch die Erfolge der letzten Jahre natürlich auch verwöhnt”, hatte Bundestrainer Hans Melzer zwischenzeitlich etwas betreten im Militärareal von Deodoro konstatieren müssen. So war die Equipe um Überreiter Jung als wohl sicherster deutscher Medaillenkandidat nach Rio geflogen. Doch dann sorgte vor Ort erst der kurzfristige Reitertausch von Andreas Ostholt zu Julia Krajewski für Schlagzeilen, und dann schied Krajewski im Gelände nach drei Verweigerungen von Samourai du Thot unter Tränen aus den Spielen aus. Im heimischen TV echauffierte sich Kommentator Carsten Sostmeier dermaßen über den Ritt der 27-jährigen Olympiadebütantin, dass sich der deutsche Verband gestern Morgen, noch vor Beginn des abschließenden Springens, dazu genötigt sah, diese “verbale Entgleisung” öffentlich zu rügen. Sostmeier und die ARD entschuldigten sich später. Fokussierte Olympiatage sehen irgendwie anders aus.

Das Bemerkenswerte – und das zeichnet eben die Qualität des deutschen Teams aus: Jung hatte in der prallen Sonne von Deodoro trotz allem als Zweitplatzierter dank eines perfekten Geländeritts auf Sam immer noch alle Chancen auf Einzelgold und mit den beiden verbliebenen Reiterinnen Ingrid Klimke (auf Hale Bob) und Sandra Auffarth (Opgun Louvo) als Viertplatzierte vor dem Springen immer noch Medaillenchancen.

Die Marschroute für Edelmetall als Team war insofern klar: Weil Krajewski als Disqualifizierte automatisch das Streichergebnis lieferte, musste Deutschland drei Null-Fehler-Ritte abliefern und auf teils grobe Patzer von Australien, Neuseeland oder Frankreich hoffen. Sandra Auffarth hatte als erste deutsche Reiterin im Parcours den nervenaufreibenden Tag im anspruchsvollen Gelände offensichtlich sehr gut abschütteln können, denn sie blieb ohne Fehler, zudem innerhalb der erlaubten Zeit von 80 Sekunden und durfte so mit erleichtert-geballter Faust an der kleinen deutschen Fan-Kolonie auf der Gegengeraden des dreiviertelvollen Stadions vorbeireiten. Die Aufholjagd war eingeläutet.

Ingrid Klimke hielt diese Aufholjagd am Leben, denn auch die 48-Jährige aus Münster absolvierte die zwölf Hindernisse ohne Abwurf. Als Michael Jung sich schließlich ebenfalls schadlos hielt und sich Neuseelands und Australiens erfahrene Schlussreiter Mark Todd und Christopher Burton vier bzw. zwei Abwürfe leisteten, rückte Deutschland tatsächlich noch hinter Frankreich auf den umjubelten Silberrang vor. “Wir haben gehofft, dass wir noch ein bisschen nach vorne kommen, dass es jetzt sogar noch die Silbermedaille geworden ist, macht uns natürlich überglücklich”, sagte Jung. “Es ist schöner, heute Silber gewonnen zu haben, als Gold verloren zu haben”, fand Auffahrt, und selbst Krajewski konnte schon wieder lachen. “Es ist für mich noch nicht alles abgehakt, was gestern war, aber die Medaille hilft natürlich”, sagte sie. “Das werden wir am Abend im Deutschen Haus gebührend feiern”, versprach Klimke.

Zu feiern gab es schließlich noch mehr als Team-Silber: Jung, der für viele Experten beste Reiter der Welt – über alle Disziplinen hinweg gesehen, wohlgemerkt – bewies einmal mehr seine Ausnahmestellung im abschließenden Finalspringen über neun Hindernisse und ließ sich die Gesamtführung, die er nach dem Umlauf im Teamspringen vom dort patzenden Australier Burton übernahmen hatte, nicht mehr nehmen. Mit einem neuerlichen Null-Fehler-Ritt auf Sam verteidigte der 34-Jährige seinen Olympiasieg aus London. Das war also doch noch genau die Art von “ereignisreich”, die sich die deutschen Reiter in Rio vorgestellt hatten.

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