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Walter Scheel

Walter Scheel ist tot. Damit lebt die Frage auf, was von seinem politischen Wirken Substanz genug besitzt, zu überdauern. Politik ist Tagesgeschäft, sie obliegt schnell der Vergessenheit. Doch es gibt auch politische Entscheidungen und Visionen, die ein Land, ein Volk oder die Zeit prägen. Dann hat ein Politiker Eingang in die Geschichtsbücher gefunden, er ist dauerhaft dem Vergessen entronnen.

Der FDP-Politiker Scheel war ein solcher Mensch. Er hat die Politik der Bundesrepublik über Jahrzehnte maßgeblich mitgeformt. Die Bonner Republik hat ihn in vielen verschiedenen Ämtern erlebt, politische Weggefährten lobten und loben seinen Weitblick, politische Gegner achteten ihn. Auch das muss man sich in diesem harten Geschäft erst verdienen. Gestern starb Walter Scheel mit 97 Jahren in einem Pflegeheim in Bad Krozingen, wo er seit 2012 wegen seiner Demenz lebte.

Geboren wurde er am 8. Juli 1919 in Solingen. Der immer für einen Scherz aufgelegte Rheinländer, dessen Fröhlichkeit und Lebensfreude im politischen Geschäft eher die Ausnahme blieb, absolvierte eine Banklehre. Nach Kriegsbeginn 1939 diente er bei der Luftwaffe. Nach Kriegsende arbeitete er in der Industrie. Seine NSDAP-Mitgliedschaft räumte er erst Jahre nach seinem Amtsantritt als Außenminister ein. Das sorgte für manch harsches Wortgefecht.


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FOTO: dpa, han cul jai

Seine politische Karriere begann Scheel in Solingen. Dort saß er eine Zeit im Stadtrat. Den Freien Demokraten war er bereits 1946 beigetreten, er wirkte als NRW-Landtagsabgeordneter in Düsseldorf und wirbelte als Jungtürke gehörig viel Staub auf. 1953 zog Scheel in den Bundestag ein. Drei Jahre später leitete er zusammen mit Erich Mende, Willi Weyer, Wolfgang Rubin und Wolfgang Döring den Koalitionswechsel von der CDU zur SPD ein.

Er war in den 60er Jahren der erste Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Kabinett Adenauer. Doch damit hatte Scheel noch lange nicht das Ende seiner politischen Laufbahn erreicht. Als ausgefuchster Politiker nutzte er seine politische Gestaltungsmacht. Nach der Bundestagswahl 1969 wirkte er auf die Bildung einer sozialliberalen Regierung hin. An der Seite von Willy Brandt wurde Walter Scheel Vizekanzler und Außenminister. Es war die brodelnde Zeit einer neuen deutschen Außenpolitik. Zusammen mit Brandt gilt Scheel als der Architekt einer neuen Ostpolitik, die auf Entspannung setzte und das Verhältnis zu Moskau verbessern wollte. So sollte den Menschen in der DDR geholfen werden, ihre Lebensbedingungen zu verbessern und mehr Freiheiten zu erhalten.


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FOTO: dpa, pil pzi

Die Union bekämpfte vehement den außenpolitischen Kurswechsel. Sie witterte gar Verrat. Auch in der SPD und der FDP war die Brandt-Scheel-Politik nicht unumstritten. Es kam in beiden Parteien zu Austritten und zur Neuwahl, die am Ende eine Stärkung der sozialliberalen Koalition brachte. Doch all die Entspannungspolitik und der gute Wille hatte nicht verhindern können, dass das SED-Regime in Ostberlin den Spion Günter Guillaume im Umfeld von Brandt etablierte. Getroffen trat Brandt 1974 zu Gunsten von Helmut Schmidt zurück.

Doch auch Walter Scheels Zeit als Außenminister war damit abgelaufen. Von 1974 bis 1979 war er Bundespräsident – die Krönung seines erfüllten Politikerlebens.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel würdigte Walter Scheel als herausragenden Politiker der Bundesrepublik. Die Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern habe er als politische Notwendigkeit für den Friedenserhalt in Europa angesehen, sie sei ihm auch dringendes persönliches Anliegen gewesen. “Mit glänzender Rhetorik und großer Leidenschaft für die Sache setzte er sich immer wieder für diese Ziele ein.” Deutschland verliere “einen seiner großen Staatsmänner”, so Gabriel. Auch Kanzlerin Angela Merkel sah in Scheel einen “überaus populären Bundespräsidenten, der viele Menschen beeindruckt hat”.

Die Amtszeit von Scheel wurde auch geprägt von der Hochzeit des RAF-Terrorismus. Scheel habe sich maßgeblich dafür eingesetzt, “dass Rechtsstaat und freiheitliche Demokratie nicht vor ihren Gegnern kapitulierten”, erklärte Bundespräsident Joachim Gauck gestern in Berlin. Mit seiner Ost- und Europapolitik haber er sich bleibende Verdienste erworben, so Gauck.

Doch Scheel konnte auch volkstümlich sein. Mit dem Düsseldorfer Männergesangsverein hatte er 1973 für die “Aktion Sorgenkind” das Volkslied “Hoch auf dem gelben Wagen ” eingespielt, das sich über 300.000 mal verkaufte und sogar auf Platz fünf der Charts landete.

Walter Scheel war evangelischer Christ und Vater von vier Kindern. Seine zweite Frau Mildred rief die Deutsche Krebshilfe ins Leben. Sie war bereits 1985 gestorben. Seine jetzige Frau Barbara hatte er drei Jahre später geheiratet.

Quelle: RP