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Weit an einer Medaille vorbei

Storl schüttelte immer wieder den Kopf und verstand die Welt nicht mehr. Der Kugel-Star hat bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro klar an einer Medaille vorbeigestoßen und mit Platz sieben für die nächste Enttäuschung der deutschen Leichtathleten gesorgt.

Nach dem sechsten Rang durch Weltmeisterin Christina Schwanitz zerplatzte damit auch die zweite Hoffnung auf Kugel-Gold.

“Ich wollte es mit der Brechstange”, sagte Storl und ergänzte: “Es ist schon enttäuschend. Ich habe versucht auf Biegen und Brechen um Platz drei zu kämpfen, aber es ging einfach nicht.”

Beim Sieg des Amerikaners Ryan Crouser, der mit 22,52 m die größte Siegesweite bei Olympischen Spielen erzielte, kam der 26 Jahre alte Europameister nicht über schwache 20,64 m hinaus und verpasste die dritte Medaille für das DLV-Team. Am zweiten Wettkampf-Tag hatten die Diskuswerfer Christoph Harting (Gold) und Daniel Jasinski (Bronze) die bis Donnerstag einzigen deutschen Medaillen geholt.

Für Storl, der seine schwächste Weite bei einem Großereignis seit 2010 ablieferte, gab es kein Happy End eines schwierigen Jahres. Nach einer Knie-OP war Storl zwar mit Hilfe von Hans-Wilhelm Müller-Wohlfarth seine chronischen Schmerzen losgeworden, zur gewohnten Form fand der zweimalige Weltmeister aber nie. “Das Training war ganz gut, aber nicht wie letztes Jahr, als ein richtiger Antrieb kam. Ich bin diese Saison in jedem Wettkampf nicht zurechtgekommen”, sagte Storl.

Hinter Crouser, der die alte olympische Bestmarke von Ulf Timmermann von 1988 verbesserte (22,47), sicherte sich Weltmeister Joe Kovacs (USA) Silber (21,78), Bronze ging an den Neuseeländer Tomas Walsh (21,36). “Wahnsinn, das ist ein Wort. So weit hat lange keiner mehr gestoßen. Sie bereiten sich vielleicht anders vor. Ich kann es nicht erklären”, sagte Storl über Crouser.

Bittere Enttäuschung für deutsche Speerwerferinnen

Auch die deutschen Speerwerferinnen Obergföll, Stahl und Hussong erlebten einen rabenschwarzen Abend im Olympiastadion. Die beste Platzierung des hochgewetteten Trios erreichte noch Ex-Weltmeisterin Obergföll aus Offenburg als Achte. Europameisterin Linda Stahl aus Leverkusen warf als Elfte nicht mal 60 Meter. Die beiden gingen somit bei ihrer letzten internationalen Meisterschaft leer aus. Obergföll und Stahl beenden ihre Karriere nach dieser Saison.

Olympiasiegerin wurde erstmals die Kroatin Sara Kolak mit dem Landesrekord von 66,18 Metern. Silber gewann Sunette Viljoen aus Südafrika mit 64,92 Metern. Die tschechische Weltrekordlerin Barbora Spotakova verpasste als Dritte mit 64,80 Metern ihr drittes Gold nach 2008 und 2012.

Obergföll kam wenigstens auf 62,92 Meter, blieb aber wie ihre Kolleginnen unter ihren Möglichkeiten. Die 34-Jährige hatte 2008 Bronze und 2012 Silber geholt. Stahl (30) enttäuschte vier Jahre nach ihrem dritten Platz von London mit 59,71 Metern.

“Ich habe mich geärgert, weil ich gespürt habe, dass ich es drauf gehabt hätte, zwei Meter weiter zu werfen. Aber es sind auch ein paar rausgeflogen, die vor mir in der Weltjahresbestenliste sind. Lieber Achte als Vierte”, sagte Obergföll in der ARD.

Die 22 Jahre alte Hussong kam ebenfalls nicht in den Endkampf und wurde mit 57,70 Metern nur Zwölfte. Weinend saß die deutsche Meisterin aus Zweibrücken danach im Innenraum. Vor ihrer Olympia-Premiere hatte sie 66,41 Meter geworfen.

Storl und das Speerwurf-Trio reihten sich damit in die Reihe der prominenten deutschen Rio-Enttäuschten ein: Neben Schwanitz hatten auch Diskus-Star Robert Harting, Stabhochspringer Raphael Holzdeppe (beide Aus in der Qualifikation), Hammerwerferin Betty Heidler (Platz vier) sowie die Diskuswerferinnen Nadine Müller (6.) und Julia Fischer (9) die hohen Erwartungen nicht erfüllt.

Persönliche Bestleistung reicht Kazmirek nicht zu Medaille

Zehnkämpfer Kai Kazmirek verpasste trotz persönlicher Bestleistung die Bronzemedaille. Der 25-Jährige von der LG Rhein-Wied kam mit 8580 Punkten auf den vierten Platz. Gold gewann wie schon vor vier Jahren in London Ashton Eaton. Mit 8893 Punkten blieb der Amerikaner zwar hinter seinem Weltrekord (9045), den er 2015 bei der WM in Peking aufgestellt hatte. Eaton stellte aber einen Olympischen Rekord auf.

Wir wussten, dass es sehr, sehr schwer wird mit Bronze”, sagte Kazmirek in der ARD, aber “ich bin voll zufrieden, egal ob das nun ein vierter Platz ist. Was will man mehr als Spaß haben und Bestleistung machen?”

Der WM-Sechste Kazmirek war nach dem ersten Tag noch auf Silber-Kurs, musste am Ende aber dem Franzosen Kevin Mayer (8834) und dem Kanadier Damian Warner (8666) den Vortritt lassen. Im abschließenden 1500-Meter-Lauf konnte er die 44 Punkte Rückstand auf den WM-Zweiten Warner nicht mehr wettmachen. Zuvor hatte er persönliche Bestleistungen im Weitsprung (7,69 Meter), 400 Meter (46,75 Sekunden) und mit dem Speer (64,60 Meter) aufgestellt.

Der zuvor als Medaillenkandidat gehandelte Arthur Abele aus Ulm enttäuschte als 15. Er lag am Ende von Krämpfen geplagt im Ziel. Die letzte Medaille eines deutschen Zehnkämpfers hatte vor 20 Jahren Frank Busemann mit Silber in Atlanta geholt.

(seeg/sid/dpa)